Von Kintarō Hattori zum Speedtimer
Im Jahr 1881 eröffnete Kintarō Hattori im Tokioter Stadtteil Kyōbashi sein Uhrengeschäft K. Hattori & Co. Schon bald machte er den entscheidenden Schritt und gründete seine eigene Fabrik, die Seikōsha („Haus der Präzision“), mit dem Ziel, Japan eine moderne Uhrenproduktion zu verschaffen. 1924 erschien der Name Seiko erstmals auf einem Zifferblatt und markierte den Beginn einer heute weltweit bekannten Identität.
Sportzeitmessung als Schaufenster
Seit den 1960er-Jahren etablierte sich Seiko in der Sportzeitmessung. Als offizieller Zeitnehmer der Olympischen Spiele in Tokio 1964 entwickelte die Marke zuverlässige Instrumente, die ihre internationale Reputation begründeten. Bei den Olympischen Winterspielen in Sapporo 1972 stellte Seiko erneut ihre Innovationskraft unter Beweis: ein kombiniertes System aus elektronischer und manueller Zeitmessung, abgestimmt auf die Anforderungen des Live-Fernsehens.
Eine Broschüre jener Zeit betonte: „Seiko, the timekeeper of a new era“ und unterstrich damit den Anspruch, mit der Schweizer Konkurrenz auf Augenhöhe zu treten.
1969: Das Rennen um den ersten Automatik-Chronographen
Das Frühjahr 1969 markierte einen Wendepunkt in der Uhrengeschichte. Drei Hersteller beanspruchten die Premiere des automatischen Chronographen: Zenith mit dem El Primero, das Konsortium Heuer–Breitling–Hamilton/Büren mit dem Chronomatic (Kaliber 11) und Seiko. Die japanische Marke brachte den Speedtimer mit Kaliber 6139 auf den Markt – ein integriertes Werk mit Schaltrad und vertikaler Kupplung, das zu einem Markenzeichen japanischer Chronographen werden sollte.
In einer Anzeige von 1969 hieß es selbstbewusst: „A new standard in speed and accuracy“. Auch wenn die Debatte um die zeitliche Priorität bis heute anhält, ist belegt, dass das 6139 in Japan bereits im Mai 1969 erhältlich war.
Die Kaliber 6139 und 6138
Das Kaliber 6139 bildete den Auftakt: ein 30-Minuten-Zähler bei 6 Uhr, zweisprachige Tages-/Datumsanzeige, versenkte Krone und eine Besonderheit – kein Handaufzug, da das Werk ausschließlich automatisch lief. Mit einer Frequenz von 21.600 Halbschwingungen pro Stunde und einem robusten Schaltrad verband es einfache Bedienung mit technischer Effizienz.
Besonders die 6139-600X-Modelle mit ihrer zweifarbigen (rot/blauen) Lünette wurden ikonisch. Ein japanischer Katalog von 1970 beschrieb sie so: „Speed-Timer, for men who move faster“. Ein Exemplar, die 6139-6005, schrieb Geschichte: Astronaut William Pogue trug sie während der Skylab-4-Mission (1973–1974) – der erste automatische Chronograph im All.
Anfang der 1970er-Jahre erschien das Kaliber 6138. Es bot zwei Zähler (Minuten und Stunden), Handaufzug zusätzlich zum Automatikbetrieb und behielt Schaltrad und vertikale Kupplung bei. Seine Konstruktion ermöglichte markante Designs wie den quadratischen „Kakume“, den gesuchten „Panda/Baby Panda“ oder den „Calculator“ mit integrierter Rechenscheibe. In einem Prospekt von 1972 hieß es dazu: „Professional chronographs for science, sport and speed“.
Das Speedtimer-Universum: Motorsport, Luftfahrt und Kultur
Der Speedtimer verdankt seinen Ruf auch der Nutzung in Bereichen, in denen Präzision unverzichtbar war. Auf den Rennstrecken der 1970er-Jahre wurde er von Fahrern wie François Cevert, dem aufstrebenden Star der Formel 1, und Tetsu Ikuzawa, einem international anerkannten japanischen Pionier, getragen. Bilder dieser Piloten mit einer Seiko am Handgelenk kursierten in Magazinen und Werbekampagnen und verankerten den Speedtimer im Motorsport.
Auch in der Luftfahrt fand er Verwendung: Archivdokumente belegen, dass einige Varianten mit „SpeedTimer“-Schriftzug von Mitgliedern der Japan Air Self-Defense Force (JASDF) getragen wurden. Dies stärkte den Ruf der Uhr als zuverlässiges Instrument für professionelle Piloten.
Schließlich sicherte die „Pogue“ Seiko ihren Platz in der Raumfahrtgeschichte. Eine US-Werbung Ende der 1970er fasste dies so zusammen: „Tested in orbit, trusted on Earth“.
Vom Erbe zu den Prospex-Neuauflagen
Dieses vielschichtige Erbe – Sport, Motorsport, Luftfahrt und Raumfahrt – erklärt, warum der Speedtimer bis heute zu den begehrtesten Chronographen zählt. Sein 70er-Jahre-Design in Verbindung mit einer robusten Technikarchitektur verleiht ihm einen einzigartigen Stellenwert in der Uhrengeschichte.
Die moderne Prospex Speedtimer-Kollektion führt diese Tradition fort. Inspiriert von den Modellen von 1969, bleiben die Neuauflagen der gleichen Philosophie treu: Präzision, Ablesbarkeit und Zuverlässigkeit. Ein aktueller Slogan von Seiko bringt es auf den Punkt: „Born in 1969, reborn for today“.
Referenzen und Quellen
Seiko Museum Ginza – Offizielle Geschichte von Seiko und des Kalibers 6139 (Tokio, Japan).
William R. Pogue – Zeugnis (2006) und Heritage-Auktion (2008) seiner Seiko 6139-6005, getragen während Skylab 4.
Seiko-Kataloge 1970–1972 – Vorstellung der Speedtimer 6139/6138 und damalige Werbeslogans.
Auto Motor und Sport (1974) – Uhrenwerbung mit Verbindung zu Motorsport-Chronographen.
The Road Rat Magazine, Nr. 3 (2019) – Artikel über François Cevert und seine Seiko 6139.
Archive und Zeitzeugenberichte zu Tetsu Ikuzawa – Verbindung zwischen dem Speedtimer und dem japanischen Motorsport (1970er-Jahre).